Mittwoch, 27. August 2008

Der schrumpfende See im Norden

Hallo mal wieder! Djam bandu-na?

Das ist Fulfulde und bedeutet „Wie geht es dir?“, die Antwort ist immer „Djam!“ oder „Djam koo-dume!“, also „Es geht mir gut“ bzw. „Nichts als Frieden“.
Das stimmt so weit auch, es geht uns gut. Wir sind mittlerweile wieder in Ngaoundéré angekommen und ich trauere immer noch ein wenig der verpassten Chance nach, den Tschadsee mal zu Gesicht zu bekommen. Wenn die Sicherheitsprobleme nicht gewesen wären, hätte ich ihm gern einen Besuch abgestattet.

Vier Länder teilen sich den See: Nigeria, Niger, der Tschad und Kamerun und er ist die viertgrößte Süsswasserquelle Afrikas. Er versorgt 20 Millionen Menschen mit Wasser – das entspricht etwa einem Viertel der
deutschen Bevölkerung.
Für Ornithologen, also Vogelforscher ist er eine Fundgrube und auch sonst lebt eine Vielzahl an bedrohten Tieren in der Nähe des Sees. Einige unserer Zugvögel machen auf ihrer Winterwanderung dort Rast oder überwintern gänzlich am See. Viele der Fische, die ich auf den Märkten Marouas gesehen habe, wurden im Tschadsee gefangen und dann getrocknet, um sie transportieren zu können. (Foto:Wikipedia)

Doch der See ist auch Denkmal für die dramatischen Folgen unter anderem des Klimawandels in Afrika: Die Oberfläche des Sees ist innerhalb von nur 40 Jahren (1960-2000) um 90% geschrumpft. Was mir immer noch als riesiger See (rund 23.000 km²) vorkommen würde, ist also nur ein kümmerliches Überbleibsel dessen, was er einmal war - nämlich so groß wie unser Bundesland Brandenburg noch in den 1950ern.

Dieser Rückgang ist zum großen Teil die Folge menschlicher Eingriffe: In den 60er Jahren begannen einige großangelegte Projekte in den angrenzenden Ländern, die entweder die Zuflüsse, z.B. den großen kamerunischen Fluss Logone oder den See selbst anzapften. Das Wasser wurde zur Energiegewinnung oder zur Bewässerung weitläufiger Felder benutzt. Die Bevölkerungszahl rund um den See stieg an und er brachte immer mehr Menschen ein wirtschaftliches Auskommen durch Fischfang, bewässerte Landwirtschaft und eine Trinkmöglichkeit für die Herden. Vielleicht wäre das in dieser Größenordnung sogar noch eine Weile gut gegangen, hätte es nicht in den Jahren 1972-73 und 1982-84 Dürren großen Ausmaßes gegeben: der Regen blieb aus. Bis heute kann man für Westafrika insgesamt eine Reduzierung der Regenmenge von etwa 15-20% im Vergleich zum Anfang des Jahrhunderts annehmen – und sie direkt mit dem Klimawandel in Verbindung bringen.

Der See wurde übermäßig genutzt und hatte keine Chance, sich wieder zu füllen. Hinzu kommt ein weiteres Problem, welches durch die Globale Erwärmung begünstigt wird; die Desertifikation d.h. wörtlich „Verwüstung“. Es bedeutet, dass die Wüste sich immer weiter ausbreitet – und die Sahara wächst auch in Richtung Tschadsee. Nun entstehen deshalb dort nicht gleich die berühmten Sanddünen, aber die heißen Winde der Trockenzeit wehen Saharastaub in den See und beeinflussen das Klima dort negativ. Der See schrumpft weiter.

Für die Menschen, die an seinem Ufer leben hat das vielfältige Folgen. Wer in seiner Kindheit noch in einem Dorf am Rande des Sees lebte, kann sich heute im selben Dorf 20km weit vom Ufer finden. Doch vielen Menschen bleibt ohnehin nichts übrig, als dem See hinterher zu ziehen, ist er doch die einzige „zuverlässige“ Wasserquelle in der Region.

Die Konkurrenz um das verbleibende Wasser führt zu Konflikten: zwischen den Fischern und den Viehzüchtern; zwischen denen, die sich neu am See ansiedeln und denen, sie dort schon länger wohnen und selbst zwischen den Staaten, die sich den See teilen. So hat der Niger eigentlich gar keinen wirklichen Anteil am Tschadsee mehr – nur noch trockenes, wüstenartiges Land, wo früher glitzerndes Wasser war. Nigeria sieht sich mit demselben Problem konfrontiert – und die Menschen, die früher an der nigerianischen Küste des Sees lebten, ziehen ihm hinterher und sind nun plötzlich auf kamerunischem Gebiet – welchem Staat gehören sie an?

Die Fischer des Sees trifft es besonders hart, die Fangmenge geht seit Jahren kontinuierlich zurück und die Konkurrenz steigt. Die geringe Tiefe des Sees begünstigt Sandbänke und Inseln, die das Steuern der Boote schwierig machen; an manchen Stellen lassen sich auch die Netze und anderen Fanggeräte gar nicht mehr tief genug ins Wasser tauchen. Viele geben ihr Handwerk auf uns suchen ihr Auskommen woanders – obwohl der Fisch aus dem See immer noch eine der wichtigsten Eiweißquellen für die Menschen des Nordens ist und nicht absehbar ist, wie er ersetzt werden kann.
Den Viehzüchtern geht es nicht besser, aus Wassermangel müssen sie ihre Herden reduzieren – und das in einer Gegend, wo Vieh Reichtum bedeutet (s. unten)

Die dichtgedrängte Konkurrenz der Menschen bedeutet auch für die Natur nichts Gutes, denn wo die Menschen selbst Krisen ausgesetzt sind, die ihre Existenz bedrohen, kommt der Umweltschutz häufig erstmal zu kurz.

Es gibt aber auch einige Projekte, die sich der Rettung des Tschadsees zumindest in seiner jetzigen Größe widmen. So wird zum Beispiel geplant, den Fluss Oubangui, der durch den Kongo und die Zentralafrikanische Republik fließt, mit dem Zufluss des Sees, dem Chari zu verbinden und so mehr Wasser in den See einzuleiten. Zur Zeit werden die ökologischen Konsequenzen eines solchen Projektes und die Finanzierungmöglichkeiten geprüft.

Mehr Infos über den See, u.a. auch schöne Fotos, gibt es hier. Außerdem noch ein kleiner Eindruck von den Rindern Kameruns, die so ganz anders aussehen, als unsere.



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